WIR WOLLEN KEINE HELDEN SEIN
- Catch Up Magazin

- 31. Mai
- 8 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 1. Juni
Ein Gespräch von Leonard Kunz und Sebastian Urzendowsky
Text: Emilia von Heiseler
Fotos: Milli Rosa

Ob im Freibad, beim Spätibier oder in der Tram, überall wird über Wehrpflicht geredet. Umso passender, dass Dennis Gansel (Napola, Die Welle) wieder einen Anti-Kriegsfilm rausgehauen hat: Der Tiger.
1943, Ostfront: Fünf Männer werden in einem Panzer auf eine geheime Mission geschickt. Der eigentliche Zweck der Mission: Unbekannt. Berauscht vom Kriegswahn und Methamphetamin folgen sie den Befehlen. Über die Mission zu sprechen ist untersagt.
Die beiden grandiosen Schauspieler Leonard Kunz – der für den Tiger im Rennen um den Deutschen Filmpreis war – und Sebastian Urzendowsky haben sich getroffen und darüber gesprochen, wie es ist, als ausgemusterte Pazifisten im Panzer durch die Pampa zu jagen.
LEO: Ich trage ganz gerne in Filmen Polizeiuniform. Das gibt eine andere Haltung. Aber ich trage ungern eine Uniform, wo ein Hakenkreuz drauf ist. Auch mit einer Waffe in der Hand zu drehen ist ein komisches Gefühl, so das Maschinengewehr in der Hand zu halten... Vor dem Tiger-Dreh habe ich bei der Bundeswehr gelernt Panzer zu fahren. Ich bin einen Leopard-Panzer gefahren. Danach habe ich mich total mächtig gefühlt, habe gedacht: „Boah, was denn das für ein Gefühl, jetzt dieses Riesengerät hier zu fahren.“ Du kannst damit alles überfahren. – Aber dann am Abend saß ich da und konnte nicht einschlafen. Ich dachte: „Boah, ist das gruselig.“ Das war total beängstigend.
SEBASTIAN: Ich habe letztes Jahr bei einem Film mitgespielt, da geht es um den Krieg in der Ukraine. Ich musste ein paar Tage eine Uniform mit Abzeichen von der Internationalen Legion tragen. Ich war befangen, kam mir fast anmaßend vor. Der Krieg läuft und ich bin nur ein Schauspieler, der da reingesteckt wird und was behauptet. Andere tragen diese Uniformen und sterben darin. Bei dem Tiger waren es historische Uniformen, das ist etwas anderes.
LEO: Ja klar. Und trotzdem habe ich die Jacke beim Tiger sofort in der Pause ausgezogen. Nein, ich wollte nicht damit rumlaufen.
Sebastian nickt.
LEO: Was war das denn für ein ukrainischer Film?
SEBASTIAN: Das war eine deutsche Produktion, in der ukrainische Schauspielende mitgewirkt haben. Ein Film über einen Deutschen, der sich freiwillig für die Internationale Legion in der Ukraine meldet und dort in den Krieg zieht. (Anm: Und keiner geht hin).
LEO: Davon habe ich gehört.
SEBASTIAN: Während des Drehs ist die Debatte um die Wehrpflicht hier entstanden. Diese Frage: Wehrpflicht, ja, nein, wurde von den Ukrainer*innen ganz anders beantwortet. Für die meisten von ihnen war es klar: Ja, natürlich verteidigen wir unser Land. Wir müssen, sonst sind wir erledigt.
LEO: Die Frage ist ja auch: Was passiert mit deiner Familie? Aber ich könnte das nicht. Dadurch, dass ich ausgemustert wurde – ich glaube, ich war der letzte Musterungsjahrgang: direkt ausgemustert! – muss ich da auch nicht mehr hin. Denke ich, ich weiß es aber nicht.
SEBASTIAN: Ich bin auch ausgemustert worden. Aber ich hatte das Gefühl, dass alle aussortiert wurden, die ansatzweise durchblicken lassen haben, dass sie verweigern werden oder keine Lust haben. Viele bekamen dann T3 und denen wurde gesagt, bei Bedarf melden wir uns in den nächsten zwei Jahren. Aber es hat sich niemand gemeldet. Wir beide müssen uns die Frage letztendlich nicht stellen, weil wir mit T5 sogar ausgemustert sind. Das ist privilegiert, weil es auch bedeutet, andere müssen übernehmen, im Falle eines Krieges.
LEO: Aus der Schule raus und zur Wehrpflicht. Das ist schon hart.
SEBASTIAN: Für mich ist die Frage nach Wehrpflicht nur diskutabel, wenn man eine Alternative, eine zivile Alternative bietet. Und diese zivile Alternative, die habe ich für mich immer als was Gutes empfunden. Aber wenn, dann bitte alle. Auch der Junge aus Zehlendorf, der alles erbt, muss dann ran.
LEO: Hast du das dann gemacht mit so einem sozialen Jahr?
SEBASTIAN: Nee, musste ich ja nicht, weil ich ausgemustert wurde. Also ich hätte ein Freiwilliges Soziales Jahr machen können. Dann bin ich aber auf eine Sprachschule ins Ausland gegangen…
LEO: Es wäre eigentlich für mich genau das Richtige gewesen, dass ich nach der Schulzeit nochmal irgendwie was Soziales mache. Ich kümmere mich jetzt um meine Großeltern und merke, das hätte mir gutgetan. Zum Beispiel, dass ich die Angst verliere, im Pflegeheim zu arbeiten.
SEBASTIAN: Ich glaube auch, dass man einen anderen Respekt vor diesen Berufen lernt.
LEO: Man ist verantwortlich für etwas. Man hilft Leuten und kriegt dadurch total viel zurück.
„Ich habe für mich schon früh entschieden, vielleicht durch mein Elternhaus, dass ich niemals mit einer Waffe auf einen Menschen zeigen werde.“ - LEO KUNZ
SEBASTIAN: Hast du mal mit deinen Großeltern über den Tiger gesprochen?
LEO: Mein Opa kann ihn sich gar nicht angucken. Erstmal hört er nichts mehr, aber er konnte sich auch vor Jahren schon keine Kriegsfilme mehr angucken, weil es ihn zu sehr belastet. Das verstehe ich auch, dass wenn du in dieser Welt groß geworden bist, du dir das nicht unbedingt nochmal und nochmal reinziehen musst.
SEBASTIAN: Mein Großvater war ganz anders. Der hat mit mir Soldat James Ryan geguckt, weil er meinte, das sei der erste Film, von dem er sagen würde: So war es. Er hat so viel über den Krieg geredet, dass alle anderen in der Familie gesagt haben: „Bitte, jetzt nicht.“ Mich hat das aber gepackt, wenn er erzählt hat. Auch weil er so einen Schalk dabei hatte und gleichzeitig eine ganz klare Vorstellung für die Grausamkeit, die er gesehen hat. Irgendwann habe ich angefangen mitzuschreiben.
LEO: Ich habe mit meinem Opa, der 96 ist, oft darüber gesprochen, warum immer und immer wieder Filme aus der Zeit gebracht werden. Warum muss man diese Zeit immer und immer wieder erzählen? Ist das nicht irgendwann vorbei? Aber es ist nicht vorbei. Man merkt ja gerade, dass viele Länder auf Zusammenarbeit verzichten und sich wieder eigenmächtig strukturieren wollen. Im Nachhinein hätte ich es aber auch bei dem Tiger spannend gefunden, das in der heutigen Zeit zu erzählen. Oder als Zukunftsvision: Was würde passieren, wenn Deutschland sich zum Krieg wappnen müsste?

SEBASTIAN: Ich habe das Gefühl, es ist fast ein bisschen egal, in welcher Zeit der Film spielt. Ich glaube, das Allgemeingültige daran sind die Angst und die Frage danach, ob man durch das, was man macht, schuldig wird. Wo sind die Grenzen zwischen
Verantwortung und Schuld und Gehorsam?
LEO: Ich habe für mich schon früh entschieden, vielleicht durch mein Elternhaus, dass ich niemals mit einer Waffe auf einen Menschen zeigen werde.
SEBASTIAN: Ich hätte damals verweigert, wenn ich nicht ausgemustert worden wäre, aber ich wüsste heute gar nicht mehr, ob ich… als der Krieg in der Ukraine losging, dachte ich zum ersten Mal: Krass, vielleicht gibt es einfach Dinge, für die ich sogar bereit wäre, zu kämpfen. Vielleicht muss ich mir eingestehen, ich bin eben nicht zu 100% Pazifist.
LEO: Wenn du im Nationalsozialismus nicht ausgemustert wurdest – du hattest halt auch keine andere Wahl.
SEBASTIAN: Mein Großvater war wirklich ein Pazifist. Er ist unter anderem deshalb Sanitäter geworden, weil er nicht Dienst an der Waffe leisten wollte. Er hat sich damals dafür entschieden und auch das war eine Möglichkeit. Der Spielraum war nicht riesig, aber es gab einen.
LEO: Mein Großvater war zu dünn, um als Soldat zu kämpfen, und ich glaube, er war heilfroh darüber. Er hat dann beim Radio als Kindersprecher gearbeitet. Er hat nie Bombenangriffe erlebt. Im Gegensatz dazu ist meine Oma vor Bomben geflohen. Ich habe vier Jahre mit ihnen zusammen unter einem Dach gewohnt. Sie leben beide heute noch, sind 90 und 96, und sind in so einer Situation in Deutschland gewesen, wo Bomben gefallen sind. Wo man vor den Bomben mit einem kleinen Rucksack geflüchtet ist, mit Nichts, und irgendwo Schutz gesucht hat. Das ist doch der Wahnsinn. Wenn man selbst irgendwann in so eine Situation kommt, wie geht man dann damit um?
SEBASTIAN: Glaubst du, dass Kunst hilft?
LEO: Musik zu hören, oder Filme zu gucken und Bücher zu lesen, total. Ich glaube, das kann schon sehr viel machen.
SEBASTIAN: Glaubst du auch, dass Kunst einen Einfluss darauf hat, wie sich Menschen verhalten?
LEO: Ja, ich merke das ja selber durch Filme, die ich gesehen habe.
SEBASTIAN: Weißt du noch, welche das waren?
LEO: Ja. Ja, klar. Napola, der hat mich groß beeinflusst. Und Der Untergang. Die Fälscher. Das Leben ist schön. Die Welle. Das sind Filme, die, glaub ich, Grund dafür sind, dass ich heute so denke, wie ich denke.
„Man kann in Frage stellen, ob es überhaupt noch Kunst ist, wenn es nur um Botschaften geht, die wie ein trojanisches Pferd verschenkt werden.“ - SEBASTIAN URZENDOWSKY
SEBASTIAN: Ich habe gerade eine Podcast-Doku über den Ku-Klux-Klan gehört. Da wurde gesagt, einer der erfolgreichsten Filme im Sinne von gesellschaftlicher Veränderung war ausgerechnet Birth of a Nation. Als der Ku-Klux-Klan schon gar nicht mehr wirklich existiert hat, hat durch den Film eine Wiederbelebung stattgefunden. Der Film war tatsächlich maßgeblich dafür verantwortlich, dass der Ku-Klux-Klan wieder auferstanden ist.
LEO: Das ist natürlich scheiße.
SEBASTIAN: Als Filmemacher hast du ein wirkmächtiges Instrument, Menschen zu emotionalisieren. Die Nazis haben auch ‚wunderbare‘ Filme gemacht.
LEO: Wunderbar vielleicht nicht, ne? Ja, aber klar, sie haben Filme als Propaganda genutzt.
SEBASTIAN: Man kann in Frage stellen, ob es überhaupt noch Kunst ist, wenn es nur um Botschaften geht, die wie ein trojanisches Pferd verschenkt werden.
LEO: Ja, ich weiß, was du meinst.
SEBASTIAN: Aber es gibt auch die Filme, die aus einem echten Bedürfnis entstehen. Da geht es um das Schaffen einer inneren Welt. Wenn man diese Filme guckt, fordert das Empathie bei den Zuschauenden und ich habe das Gefühl, da entsteht etwas, was nicht feindselig ist. Es ist nicht: Ich verkaufe dir meine Botschaften, hoffe, dass du sie aufnimmst und weiterträgst. Sondern ich lade dich ein, teilzuhaben an einer Welt und hoffe, dass das bei dir Fragen auslöst, vielleicht Verständnis. Ich glaube, das ist ein ganz großer Unterschied.

LEO: Ja, natürlich. – Als wir den Tiger gedreht haben, haben wir jeden Abend über die Problematiken gesprochen. Ich weiß noch, wie wir darüber geredet haben, wie man mit dem Hitlergruß umgeht. Weißt du das noch?
SEBASTIAN: Ja. Ich fand auch diesen Schock am Anfang total wichtig. Diese erste Kostümprobe, wo plötzlich alle in schwarzen Uniformen dastanden. Du siehst den Totenkopf auf der Uniform und du denkst: „Scheiße, wir sehen hier alle aus wie SS.“
LEO: Wie gehen wir jetzt damit um?
SEBASTIAN: Alle Fotos von Panzerbesatzung, die wir aus der Zeit gesehen hatten, waren schwarz-weiß. Allein wenn du hörst: Waffen-SS, löst das doch was anderes aus. Und dann begleitest du die ‚Heldenreise‘ von fünf Männern, die genau so aussehen, auch wenn sie ‚nur‘ Soldaten der Wehrmacht sind. Aber wir wollen keine Helden sein. Das macht es total schwierig. Als Schauspieler bist du ja immer auch Anwalt deiner Figur und musst ihr Verhalten irgendwie verteidigen. Aber wie weit will man das bei diesen Figuren überhaupt?
Nach einer Probe sind wir zu Dennis (Anm: Dennis Gansel, Regie) gegangen und haben gefragt: Kommt das rüber? Oder entgleist uns das? Wie sympathisch dürfen die hier überhaupt sein? Das ist auch für uns eine Spielvorgabe gewesen: Auszuloten wie viel Sympathie schenken wir den Figuren – sowohl wir als Schauspieler als auch der Film an sich?
LEO: Sodass der Film die Figuren nicht glorifiziert, sodass wir nicht als Helden rüberkommen.
SEBASTIAN: Dieses viel umstrittene Ende finde ich dafür...
LEO: Ja, genau richtig.
SEBASTIAN: Weil es eine Einordnung gibt und nochmal ganz klar macht, es gibt kein Entrinnen vor der Verantwortung.
DER TIGER, 15.09.2025, Amazon Prime. Antikriegsfilm, 122 min, FSK 15. Regie: Denis Gansel, Drehbuch: Dennis Gansel, Colin Teevan, Besetzung: David Schütter, Laurence Rupp, Leonard Kunz, Sebastian Urzendowsky, Yoran Leicher.

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