VIDEOESSAYS WAREN AUF ERDEN KURZ GRANDIOS
- Essay
- 25. Okt. 2025
- 10 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 7. Jan.
von Yannik Gölz
Unser Autor schaut wahrscheinlich zu viele Videoessays - eine widerstrebende Liebeserklärung

Die innovativsten kulturellen Bewegungen erkennt man daran, dass sie ständig totgesagt werden. Hip-Hop wurde für tot erklärt, da hatte kaum jemand das erste Mal einen Rap auf Platte gepresst. Bis Pop-Literatur zu seinem Namen gefunden hatte, waren die wichtigen Pop-Romane schon geschrieben. Pop-Literaten wehrten sich fortan in Talkshows dagegen, als Teil dieser sterbenden Sache namens Pop-Literatur verstanden zu werden. Und BreadTube? BreadTube hat überhaupt nur einen Namen verpasst bekommen, damit man es endlich totsagen konnte.
Dayjob: Uber, Nightjob: Youtube
Mitte der Zehnerjahre saß ein Haufen gut ausgebildeter, linker Kids auf dem Berg ihrer Uni-Schulden und glotzte in den Abgrund der Gegenwart. Sie hatten ein paar nischige Interessen, die dem konventionellen Journalismus denkbar am Arsch vorbei gingen – und ein geisteswissenschaftliches Handwerkszeug, das sie wenn irgend möglich nicht in den Kükenschredder des Jobmarktes werfen wollten.
Weil man mit diesen Voraussetzungen nicht gerade Karriere in den klassischen Medien macht, lebten diese Kids in der Gig-Economy-Wüste von Dayjob zu Dayjob. Die einen versauerten in hoffnungslosen Post-Docs, andere fuhren Uber oder lieferten Essen aus. Damit mit ihren eigentlichen Leidenschaften nicht ganz das Licht ausging, eröffneten sie YouTube-Kanäle. Und dort fanden sie alle zu einem noch unbekannten Medium, das bald ein Staple der Plattform werden würde: Dem Videoessay.
Das größte organische Journalismus-Aufbäumen
Es gab schon zuvor Videoessays auf YouTube. Referenziert wird immer wieder der Filmkanal „Every Frame A Painting“, der den Begriff erstmals popularisierte. „Every Frame A Painting“ fand auf YouTube statt, hatte aber eher den Vibe von einem verirrten Arte-Format. Während der Kanal seinen großen Run machte, sah eine YouTuberin ganz genau hin: Lindsay Ellis.
Lindsay Ellis
Vor 2014 war Lindsay Ellis noch das „NostalgiaChick“. Das „NostalgiaChick“ war eine vorgeschriebene Rolle auf einem kleinen YouTuber-Netzwerk namens „Channel Awesome“, das mit ihrer nerdig-klamaukigen Art zwischen Kritik und Comedy eine gewisse Relevanz im YouTube-Urschlamm erreicht hatte. Aber das Konzept des "NostalgiaChicks" zwang Ellis, ihren Filmschulen-Background und alle Virtuosität zugunsten einer bescheuerten Persona hinterm Berg zu halten.
Inspiriert von „Every Frame A Painting“ verließ sie 2014 das Umfeld, dass sie rückblickend als toxisch und subtil misogyn bezeichnen wird und veröffentlichte unter ihrem eigenen Namen ihren eigenen Spin auf den Videoessay. Es sind lange, medientheoretische Videos, in denen sie ihr natürliches Charisma und ihr Verständnis der Plattform endlich mit ihrem virtuosen Verständnis von Filmgeschichte und Medientheorie vermengte. Ihre Videos handelten von Hollywood-Musicals, von großartig-schlechten Blockbustern oder von Authentizität in Kochvideos. Sie etablierte eine ganz neue Möglichkeit, die Plattform zu nutzen.
Natalie Wynn aka ContraPoints
Und auch hier sahen die richtigen Leute wieder an der richtigen Stelle zu. Natalie Wynn existierte nach einem aus wirtschaftlichen Gründen abgebrochenen Philosophie-Doktor in einem depressiven Loch, fuhr Uber und verbrachte viel Zeit im Internet. Sie hatte einen YouTube-Kanal, der den Namen ContraPoints trug. Ihre ersten Videos, damals noch vor ihrer Transition, waren zumeist Eingriffe in den immer größer werdenden Diskurs auf YouTube der neuen Rechten.
Um den Amtsantritt von Donald Trump herum war YouTube eine Halde an Antifeministen und selbsternannten Skeptikern geworden, die das sogenannte Commentary-Genre für sich geprägt haben. Ihre Taktik: Videos von Teenagern auf Tumblr finden, in denen irgendwelche Kids in einer frühpolitisierten Phase nicht ganz durchdachte Aussagen machen – und dann der eigenen Zielgruppe an Jungs erzählen, dass das aller Feminismus der Welt sei.
Sie schnappte sich zunächst das Commentary-Genre, arbeitete sich Abschnitt für Abschnitt durch die Videos dieser Männer und setzte ihnen eine Feministin entgegen, die ihnen intellektuell haushoch überlegen war. Ihre Arbeit wurde so schnell populär, dass ihr bald der Ruf anheftete, sie sei die eine, die verstanden habe, wie man die zahllosen rechtsverlorenen Jungs deradikalisieren könne. Sie selbst war mit dem Ruf als Nazi- und Incel-Flüsterin aber denkbar wenig begeistert.
Die wirkliche ContraPoints-Magie entstand, als sie – inspiriert von Ellis – den Schwenk weg vom Commentary und hin zum Video-Essay gemacht hat. Auf einmal fuhr sie da neben einem ausgeklügelten Skript voller Wendungen und akademischem Tiefbau Setdesigns, Beleuchtung und Kostüme auf. Die Musikerin Zoe Blade machte bald ganze originale Soundtracks für die Videos. Spätestens bei Videos wie „Canceling“, „Opulence“, „Shame“ oder „Twilight“ war klar: Dieses Zeug hat nicht nur inzwischen Spielfilmlänge. Es hat Spielfilmqualität.
Harry Brewis aka HBomberGuy
Ungefähr gleichzeitig macht ein gewisser Harry Brewis einen ganz ähnlichen Sprung. Auch er orientiert sich in der Geschichte seines Kanals HBomberGuy ein paar Mal um. Was eigentlich als Gaming-Kanal anfing, schwenkte ungefähr zeitgleich mit ContraPoints kurz in das Commentary-Genre um. Er politisierte sich graduell und wurde zu einer ebenso wichtigen Stimme auf der einsamen linken Front im sogenannten „Culture War“.
Trotzdem merkte man ihm an, dass die Medienkritik ihm weiterhin als eigentliche Leidenschaft blieb. Auch seine Videos wurden länger, je mehr es ihn ins Medium des Videoessays trieb. Im Thema Gaming wurde er zu einer der prägenden analytischen Stimmen seiner Generation: Seine Videos zur „Dark Souls“-Reihe, zum obskuren, russischen Indie-Spiel „Pathologic“ oder zum Konzept des „Speedrunnings“ hallen bis heute in der Szene nach.
Ein Genre mutiert
Der Erfolg der Videoessays hat noch einen weiteren Grund. Man muss sich bewusst machen, dass die Arbeit dieser innovativen Videomacher*innen seinerzeit aktiv jede YouTube-Weisheit konterkariert hat. Wir sprechen von einer Zeit, in der wir noch viel weniger über die Sehgewohnheiten verschiedener Online-Zielgruppen wussten. Kurzvideoplattformen wie Vine entstanden, die nur noch mehr auf sofortige Gratifikation setzten. Der einzelne Klick galt also als alldefinierende Währung.
Die Logik: Starke Hooks, direkte Ansprache, sofortige Gratifikation. Bestenfalls. Die logische Konsequenz war eine YouTube-Ära, die vor allem vom Phänomen „Clickbait“ geprägt war: Versprich wahnsinnig viel in Titel und Vorschaubild und mach dann gerade so wenig, dass die Zuschauer*innen sich nicht komplett verarscht vorkommen. Der YouTube-Zeitgeist war von Drama, roten Kringeln und Ausrufezeichen geprägt. Die Plattform wirkte an vielen Stellen zu laut, zu hektisch und zu grell für Tiefgang.
BreadTube-Videos machten deswegen von Anfang an eine radikale Sache anders: Sie waren lang. Rein von Seiten der Plattform hatten sie an dieser Länge aber nichts zu gewinnen. Ein Video über dreißig Minuten positionierte dich uneffektiv im Algorithmus. Der Mehraufwand war dem System eigentlich egal, aber deine Konkurrenz hat im selben Zeitraum zehn Videos gemacht. Zu dieser Zeit dachte man noch, der Algorithmus wolle nichts dringender als regelmäßige Uploads. Warum sich also an einem Video verkünsteln?
Ein unausgespochenes Versprechen
Bei den Zuschauer*innen entstand aber genau der gegenteilige Effekt. Videoessays, so zeigte sich, wirkten wie ein unausgesprochenes Versprechen: ‚Wenn jemand so viel Zeit in ein Video kippt, dann muss die Person ja wirklich dringend etwas zu erzählen haben‘.
Und so wurde aus diesen Vorstößen eine regelrechte Szene. Wir hatten es also mit einem kleinen Cluster an Videomacher*innen zu tun, die bewiesen, dass man das Medium YouTube ganz anders nutzen konnte. Viele von ihnen waren untereinander befreundet – und wann immer ein* neue*r User*in eine*n von ihnen fand, war es eine Frage der Zeit, bis er*sie Fan von ihnen allen wurde. Es macht nur Sinn, dass diese Szene irgendwann einen Namen brauchte. Und der fand sich: Die Leute sprachen irgendwann von BreadTube.
Ein kleiner Exkurs: Das „Bread“ entstammt eigentlich einem Witz, der sich über die akademische Natur der Macher*innen lustig gemacht hat. Schon damals fand man es ein bisschen skurril, wenn jemand vierzig Minuten unter Zuhilfename marxistischer Theorie über SpongeBob Schwammkopf fachsimpelte. „In the conquest of Bread“ ist ein komplexes Buch des Anarchisten Peter Kropotkin. Worum es geht? Gar nicht wichtig. Der Witz ist, dass „BreadTube“ kein YouTube-Video über irgendein Computerspiel oder irgendeinen Cartoon mehr machen konnte, ohne dergleiche Literatur ins Spiel zu bringen.
Ein Genre geht den Bach runter
Und kaum gab es einen Namen, schon gab es einen Metadiskurs. HBomberGuy sagte in einem Video, über das wir später sprechen werden, sinngemäß: ‚Ich wusste nicht, was BreadTube sein sollte, außer, dass ich scheinbar ein Teil davon bin und Leute mich jetzt dafür hassen, ein Teil davon zu sein‘.
Es gab Kontroversen. Es gab politisches Infighting. Es gab Drama. All das hat den Videoessay als Medium herausgefordert, aber nicht bedroht. Das wahre Problem, das in Richtung der Zwanziger BreadTube gefährden sollte, das war die Plattform selbst.
Zuvor wussten Fans, dass ein langes Video ein Video ist, das sich nicht groß mit dem Algorithmus und den sonstigen Plattform-Trickserein beschäftigt hat. Dass ein langes Video bedeutete, dass sich jemand Gedanken gemacht hatte. Wer also bereit war, die Arbeit zu machen und entsprechenden Content veröffentlicht, wurde von den Fans der Sparte schnell gefunden und angenommen. Zuvor galt das Motto: Folgte man gewissen Codes, war es gar nicht so schwer, mit dem Stichwort Videoessay substanzielle Aufmerksamkeit auf der Plattform zu erlangen.
Wenig später änderte YouTube sein algorithmisches und monetäres Modell. Die Doktrin der Klicks wurde durch die Doktrin „Watchtime“ ersetzt: Videos wurden nun nicht mehr für ihre Fähigkeit belohnt, Zuschauerschaft mit allen Mitteln zum Klicken auf das Video zu bringen. Videos wurden nun für ihre Fähigkeit belohnt, eine Zuschauerschaft nachhaltig bei der Stange zu halten. Ob bewusst oder nicht – YouTube hat sich der Form der Videoessays angepasst. Clickbait-Content ging unter, lange Videos waren plötzlich die Gewinner.
Essays fluten YouTube
Angehende Videoessayist*innen fluteten die Plattform. Auf einmal gab es zu jedem Thema, jedem Spiel, jedem Album und jeder Person ein Video in Überlänge. Es gab einen YouTuber, der ein zehnstündiges Video über die Nickelodeon-Show iCarly veröffentlicht hat. Drei Stunden über das Spiel Age Of Mythology. Fünf Stunden über die zweite Staffel des Anime-Spinoffs Yu-Gi-Oh GX.
Persönlich habe ich das für eine Weile für die absolute Revolution des Infotainments gehalten. Ich versenkte sowieso schon viele, viele Stunden auf der Plattform. Es machte mich glücklich zu sehen, dass jetzt wirklich jedes noch so nischige Thema Objekt einer ausführlichen Untersuchung wurde. Also machte ich es, wie es zu der Zeit die meisten Fans des Genres machten: Ich guckte und guckte – mit dem Video im Hintergrund, während ich nebenbei etwas Anderes tat.
Der Geist der Szene veränderte sich grundlegend
Es brauchte ungefähr drei Jahre, bis mir unmissverständlich klar wurde, dass sich im Geist der Szene etwas Grundlegendes verändert hat. Irgendwann sah ich ein dreistündiges Video über die Probleme von "The Legends Of Zelda: Breath Of The Wild" an. Dort begann ein nicht sehr routinierter Sprecher seinen an diesem Punkt immerhin schon beachtlich sechsstelligen Zuschauern davon zu erzählen, dass er ein Problem mit der Verteilung der Nebenquests hätte.
Dieses Thema füllte zehn Minuten. Dann füllte es zwanzig Minuten. Nach vierzig Minuten sprach er mäandernd weiter darüber, dass die Nebenquests scheinbar sehr schlecht verteilt wären. Auf dem Bildschirm sahen wir Footage des Spiels. Irgendwann skippte ich wahllos nach vorne. Und siehe da: Auch bei 90 und bei 150 Minuten hat das Thema sich nicht verändert. Es ging immer noch um die Verteilung der Nebenquests.
Ich saß also da, in meinem dann wieder stillen Zimmer, und musste mir eingestehen, dass ich gerade fast eine Stunde einem nicht besonders eloquenten Dummkopf dabei zugesehen habe, wie er mit einer Karteikarte an Referatsmaterial drei Stunden meines Lebens stehlen wollte. Und ich begriff mit einem Schlag, wie viele von diesen Videoessays, die wie Pilze aus dem Boden geschossen waren, eigentlich inzwischen meilenweit von diesem Qualitätsversprechen abgedriftet sind. Videoessays sind dieses große Ding geworden, weil sie so radikal un-algorithmisch und aufwendig produziert waren. Sie haben sich die längste Zeit wie Inhalt über Geld angefühlt. Aber sie haben umso zynischeren Content Sludge nach sich gezogen, der sich in der Ästhetik und den Signifiern seiner Vorgänger gesonnt hat, ohne wirklich einen adäquaten Mehrwert zu bieten.
Viele moderne YouTube-Videoessayisten unterbreiten zwar ab und zu die Idee von Büchern oder Studien. Aber es fällt auf, wie viele von ihnen inhaltlich von TikTok-Clip zu TikTok-Clip organisiert sind, als würden Leute einfach beim Doomscrollen ab und zu ein Reel speichern, um die lauwarmen Gedanken dazwischen kommentierend hier und da den ersten akademischen Google-Treffer einzuflechten.
3 Stunden, 40 Millionen Klicks
Genau diesem Problem widmete sich dann ein Urgestein. "Plagiarism and You(Tube)" von HBomberguy ist der auf YouTube bisher erfolgreichste Videoessay mit fast 40 Millionen Aufrufen. Das dreistündige, monumentale Video fühlt sich wie eine Tabula Rasa an – wie eine Townhall darüber, wie das Format Videoessay noch zu retten sein könnte.
HBomberguy gibt im Video drei zunehmend kritische Beispiele, wie neuere Videoessayist*innen sich ihren Content zusammenstehlen. Es geht um die Kanäle Internet Historian, Illuminaughti und James Somerton. Bei ihnen allen weist er überzeugend eine große Dichte an Plagiaten und Unwahrheiten nach. Seine Aufbereitung ist großartig recherchiert und spannend erzählt, es ist quasi Kool Savas' "Das Urteil" der Videoessay-Szene.
Content-Mühlen-Maschinerie oder Substanz?
Aber ich glaube, viele Leute unterschätzen den eigentlichen Subtext dieses Videos. Im Grunde ist "Plagiarism And You(Tube)" ein Appell an die Zuschauer, wieder kritischer zu sein. Es ist in der Tat wahnsinnig einfach, schnellen Content zusammenzuflicken. Und es ist schockierend schwer, auf den hohlen Bauch heraus zu unterscheiden, hinter welchen Videoessays Substanz – und hinter welchen Content-Mühlen-Denken stecken.
Wenn ich ein mittelmäßiges Video durchgehört habe, bin ich zumeist immerhin unterhalten genug. Man müsste schon ordentlich reinscheißen, um dieses Mindestmaß zu verfehlen. Aber Videoessays sind groß geworden, weil sie mehr bieten können als ‚ganz okay‘. Großartige Videoessays sind virtuos darin, das ursprüngliche Thema in immer größere, weitläufigere Gedanken zu leiten.
Wenn ContraPoints drei Stunden über die Buchreihe „Twilight“ spricht, dann nur, weil sie bei Stunde zwei spätestens bei philosophischen Gedanken über Sex und Begehren angekommen ist. Sie nutzt das Medium, um Schritt für Schritt die Gedanken und Gefühle offenzulegen, die „Twilight“ bei ihr ausgelöst hat. Und es kann ein richtiger Dopamin-Rush sein, wenn ein gut konstruierter Videoessay das Ursprungsthema Schritt für Schritt in größere, komplexere Gedanken überführt.
Es ist aufregend, mit neuen Gedanken konfrontiert zu werden. Es ist aufregend, wenn man von einer Argumentationskette überrascht wird. Dieses Aufregende, diese Originalität, fehlt aber vielen modernen Videoessays. Als Konsument kann ich jedoch bestätigen, dass es sich oft schockierend gleich anfühlt, etwas Neues zu erfahren oder überhaupt nichts Neues zu erfahren. Wir spüren, wenn etwas Aufregendes passiert. Aber wir spüren nicht, wenn nichts Aufregendes passiert. Wenn man okay unterhalten aus einem mittelmäßigen Essay geht, drängt sich kein Gefühl des Mangels auf.
Die Zukunft des Videoessays
Das Tragische ist nun, dass es sie weiterhin gibt, die wirklich spannenden neuen Videoessays: Die Kanäle "CJTheX", "Lily Alexandre", "FD Signifier" oder die in den letzten Jahren erst viel aktiver gewordene "Kat Blaque" sind Creators auf dem Level der ersten Welle, stellenweise sogar noch ein ganzes Stück darüber hinaus. Aber sie mausern sich nicht mehr über den Wasserstand der anderen Kanäle, weil es graduell so viel schwerer geworden ist, die Aufmerksamkeit der Zuschauerschaft zu finden.
Aber ich will daran festhalten, dass das Medium des Videoessays und die Existenz von BreadTube eigentlich ein Triumph waren. Ich habe in meiner Lebenszeit nicht erlebt, dass universitäre Gedanken so effektiv und gewinnbringend vom Elfenbeinturm herabkommuniziert wurden. Videoessays können eine nie dagewesene Knautschzone zwischen der Uni und der echten Welt sein. Sie eröffnen akademisches Gedankengut all denen, die vielleicht nicht die Chance hätten, diese Themen studieren zu gehen.
Aber mehr als alles Andere: Es gab so viele liebevolle, ästhetisch umwerfende, kurzweilige und genuin so kluge und inspirierende Videoessays. Klar, auch sie werden von der unaufhaltsamen Flut an Trends und Strömungen irgendwann verjährt und uncool sein. Das ist das Gesetz von Content, das ist das Gesetz der Zeit. Aber für einen kurzen Moment der Internetgeschichte waren Videoessays und BreadTube absolut so gut und wichtig, wie wir Fans geglaubt haben.
Der Autor: Yannik Gölz (geb. 1997) ist Journalist und Videoessayist. Er schreibt u.a. für laut.de, den Musikexpress, Allgood und die Jüdische Allgemeine. Im Jahr
2021 wurde er mit dem „International Music Journalism Award u30“ für seinen Anti-Verschwörungs-Text gegen Xavier Naidoo ausgezeichnet. Er führte Interviews mit Größen
der Musikszene wie Billie Eilish, HIM und Waxahatchee.

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