IT TAKES A VILLAGE
- Gespräch
- 7. Jan.
- 14 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 8. Jan.
Ein Gespräch von Alison Kuhn und Anton Weil
Text: Emilia von Heiseler / Lorenz Wenke Fotos: Milli Rosa

Wer sich zwischen Weihnachten und Silvester nicht die x-tausendste Wiederholung von Die Hard oder Der weiße Hai anschauen wollte, ist vielleicht in der ARD-Mediathek auf die großartige Serie Schattenseite gestoßen. Eine deutsche Coming-of-Age-Geschichte mit Thriller-Elementen im Euphoria-Look, an der Alison Kuhn als Regisseurin und Anton Weil als Schauspieler beteiligt waren.
Anstatt wie ihr in Mediatheken zu stöbern, haben sich die beiden in der Zeit zwischen den Jahren getroffen, um über das zu sprechen, was sie im Moment so beschäftigt. Dazu gehören zwei brandneue Kinofilme:
Alisons letzte Regiearbeit HOLY MEAT ist eine Komödie über eine katholische Gemeinde, die ein dänischer Pater (Jens Albinus) mithilfe eines Theaterprojekts vor der Eingemeindung zu retten versucht. Der Film Schwesterherz erzählt, wie die Beziehung der Geschwister Rose (Marie Bloching) und Sam (Anton Weil) auf die Probe gestellt wird, als Vergewaltigungsvorwürfe gegen Sam erhoben werden.
Ein vietnamesisches Restaurant in Berlin-Friedrichshain. Alison und Anton sitzen sich an einem Fensterplatz gegenüber.
ALISON: Falls du probieren möchtest?
ANTON: Ja, gerne. Jetzt werden sie schreiben, du schneidest ein Stück deiner vietnamesischen Pizza ab.
Alison schneidet ein Stück ihrer vietnamesischen Pizza ab.
ANTON: Wir teilen das Brot.
ALISON: Wie Jesus.
Sie reicht ihm die Pizza.
ANTON: Ich bin ein riesiger, riesiger Zwischen-den-Jahren-Fan. Du auch?
ALISON: Ja, ich finde auch, das ist so ’ne schöne Nicht-Zeit irgendwie. Es passiert irgendwie nichts.

ANTON: Man kann seine Filmliste abarbeiten. Hast du Letterboxd?
ALISON: Hab’ ich seit wenigen Tagen.
ANTON: Wir müssen uns da adden.
ALISON: (lacht) Ach du, ich wollte das privat halten für meine Guilty Pleasures und so. Es ist nur eine Übersicht, weil ich oft in Interviews gefragt werde, was sind die besten Filme, die du letztens gesehen hast? Ich vergesse so schnell, was ich gesehen habe. Schreibst du auch Rezensionen?
ANTON: Fiese Rezensionen? Nee, gar nicht. Ich denke, ey, jeder Film irgendwie hat so eine Hochachtung verdient, dass der gemacht wurde. Wenn man selber Filme macht, weiß man, wie viel struggle das ist. Man weiß, wie viele Hürden es gibt und wie unrund die Sachen sind. Von daher denke ich immer so, komm, at least drei Sterne kriegst du.
„Als schauspielende Person ist deine Arbeit nach dem Dreh eh out of your hand. Das finde ich das Schöne am Kunstmachen, das Abgeben von Verantwortung, dieses Kollektive.“ - ANTON WEIL
ALISON: Ich finde es auch ganz schwierig über die Arbeit von Kolleginnen und Kollegen zu urteilen. Ich habe bisher Anfragen, in Jurys mit öffentlichen Filmbewertungen zu sein, abgesagt. Ich kriege das irgendwie nicht übers Herz.
ANTON: Aber eigentlich wünscht man sich ja auch so voll ehrliches Feedback. Vielleicht haben wir das einfach nicht gelernt, wie man Kritik an den Mann, an die Frau bringt. Ich hatte einmal eine Premiere und fand es gar nicht gut. Weißt du, es war halt so, die ersten drei Frauenrollen, die du siehst, waren alle irgendwie dumm, sehr naiv oder nackt. Und auf der Premierenfeier aber dann halt irgendwie nur: „oh, geile Kamerafahrt“ und „wie alles aussieht, mega!“ Das hat mich so gekitzelt und ich war so, wo sind wir, warum lügen wir uns denn jetzt in die Tasche?
ALISON: Und hat es irgendwer gesagt?
ANTON: (zögert) Ich habe es gesagt und habe mich damit natürlich voll in die Nesseln gesetzt. Seitdem bin ich von der Regie auch nicht mehr besetzt worden.
ALISON: Na gut, aber dann passt ihr vielleicht auch einfach haltungstechnisch nicht zusammen, ne?
ANTON: Vielleicht, oder aber auch doch. Vielleicht würde die Kritik ja etwas bewusst machen können, was gar nicht mitgedacht wurde. Weil ich finde auch, er kann was und die Art der Regieführung war für mich super. Ich konnte mein Ding machen.
ALISON: Was meinst du mit dein Ding machen?
ANTON: Dass es kaum Regieanweisungen gegeben hat. Mir hat es das Gefühl von Vertrauen gegeben. Es gibt Schauspielende, die das voll stresst und die dann nervös werden und sagen: „Er sagt nichts, er sagt nichts, wir machen es fünfmal. Warum machen wir es fünfmal?“ Und dann suchst du bei dir und bist vielleicht verloren oder verunsichert. Was nicht heißt, dass ich andere Regiearbeit nicht genauso spannend finde.
ALISON: Ich bin eigentlich jemand, der sehr viele Anweisungen gibt. (lacht) Das ist für mich der größte Spaß: genau hinzuschauen, die Szene zu analysieren und gemeinsam zu erarbeiten. Okay, was wollen wir jetzt anders machen? Was wollen wir jetzt ausprobieren? Ich gebe jetzt ungern die Anweisung: „Mach einfach mal nochmal und überrasch mich.“ Aber es kommt aufs Projekt an. Und auf die Schauspielenden.
ANTON: Voll. Ich finde das auch super. Als schauspielende Person ist deine Arbeit nach dem Dreh eh out of your hand. Das finde ich das Schöne am Kunstmachen, das Abgeben von Verantwortung, dieses Kollektive.
ALISON: Hilft dir das da auch, dass du ja selbst auch schreibend tätig bist, um einen anderen Blickwinkel drauf zu haben? (Anmerkung: Anton hat letztes Jahr seinen Debütroman „Super einsam“ veröffentlicht und schreibt derzeit an mehreren Drehbüchern.)

ANTON: Ich glaube schon. Ich glaube schon. Ich hatte immer so einen naiven Grundgedanken von so, ja okay, Schauspieler, wir sind alle so kunstinteressierte, kollektiv begeisterte, sensible Wesen. Und dann merkt man so, ne Moment mal, da gibt es dann auch die Narzissten, da gibt es auch die, die einfach nur fame sein wollen. Und dann gibt es die, die sich scheiße benehmen und aber halt so krass skurrile characters sind, dass sie die ganze Zeit von Regie oder Produktion oder vom Sender abgefeiert werden. Es entspannt mich, wenn ich weiß, ich mache auch noch andere Kunst, wo ich autonomer arbeite. Wo ich nicht so abhängig von der Idee einer anderen Person bin, die
ja total toll sein kann. Aber es kann auch unglücklich machen, an einem Set von einem TV-Projekt zu sein: „Boah scheiße, alle sind hier basically, um Geld zu verdienen und ich will eigentlich voll die Kunst machen und spielen und alle anderen wollen eigentlich nur nach Hause.“
ALISON: Das heißt, es entspannt dich gar nicht primär finanziell, sondern es entspannt dich, weil du das Bedürfnis hast, quasi selbst zu schöpfen und es damit befriedigst?
ANTON: Genau, es gibt mir noch eine andere Perspektive. Wie ist das für dich als Regisseurin?
ALISON: Ich habe jetzt zum Glück noch nie ein Projekt für die Miete machen müssen, hinter dem ich nicht stand. Da ich halt schon im Bachelorstudium angefangen habe, Serien zu inszenieren. So bin ich da wirklich sehr, ja, weich reingerutscht.
ANTON: War das dir schon immer klar, so, ich mache Regie?
ALISON: Ja, es war ein tatsächlicher Kindheitswunsch, aber damals total utopisch und ich wusste überhaupt nicht, wo fange ich an. Ich habe niemanden gekannt, der beim Film ist.
ANTON: Was war die Faszination daran?
ALISON: Ich habe mit meinen Eltern sehr viel Filme geguckt, gute Filme. Die lieben einfach Filme, haben aber beruflich damit nichts zu tun. Ich wusste immer, ich will das später selbst mal machen. Aber ja, das ist irgendwie so ein Kindheitswunsch, den hat man und man weiß aber überhaupt nicht genau, was bedeutet das eigentlich.
Alison Kuhn probiert Sonnenbrillen von Dolce & Gabbana und Calvin Klein.
ANTON: Aber es war nicht so, hey, ich will das auch spielen, was ich da sehe, sondern so, ich will das inszenieren.
ALISON: Ich war immer an Musik, an Schauspiel, auch an Malerei interessiert und da fließt viel im Film und in der Regie zusammen. Das fand ich toll. Ich bin dann erst mal den Umweg über das Schauspiel gegangen, weil ich wusste, ich muss für Regie einen Bewerbungsfilm drehen. Ich habe keine Kamera, ich kenne keine Leute, die mir helfen können. Und dann habe ich über das Schauspiel genug Leute kennengelernt, mit denen ich meinen Bewerbungsfilm drehen konnte.
ANTON: Hast du auch mitgespielt?
ALISON: Nee, oh Gott, nee, nee, nee. Ich würde mich nicht selbst inszenieren wollen.
ANTON: Das ist auch ein bisschen die Frage, wenn wir uns für Super Einsam mit Produzenten zusammensetzen: „Was willst du? Willst du es schreiben? Willst du es spielen? Willst du Regie führen?“ Das ist im Idealfall ja auch ein fließender Übergang. So was finde ich toll. Zum Beispiel die Safdie-Brüder oder diese Entourage um Wes Anderson oder Greta Gerwig. Oder Joachim Trier, der immer wieder mit seinen Leuten arbeitet. Oder eine Person wie Eva Victor, die Sorry Baby geschrieben hat und auch spielt und Regie führt. Das berührt mich immens. Einfach künstlerische Freigeister, Getriebene und Träumende mit denen man zusammenarbeitet. Danach habe ich eine große Sehnsucht.
„Ich versuche in jedem Mainstream-Projekt die Tiefgründigkeit des Arthouse zu finden. Und in jedem Arthouse-Projekt den Anschluss ans Publikum nicht zu verlieren.“ - ALISON KUHN
ALISON: Hast du da schon deine Leute gefunden, oder suchst du die noch?
ANTON: Ich bin, glaube ich, weit entfernt davon zu sagen, ich habe alle schon gefunden. Aber allein, weil ich es bewusst habe, dass das mein Wunsch ist, gehe ich anders auf Leute zu.
ALISON: Ich finde, das ist in Deutschland schon so ein Ding, dass oft im Film versucht wird, Leute entweder in die eine oder in die andere Schublade zu stecken, während es international viel üblicher ist, dass jemand schreibt, inszeniert, spielt. Hier bekommst du so oft die Frage: Was davon machst du denn jetzt so richtig?
ANTON: So oft. Leider.
ALISON: Weil ich sowohl im Mainstream als auch im Arthouse arbeite, kriege ich oft die Frage, was davon ich denn lieber mache oder was ich zukünftig mehr machen will. Da ist es ähnlich. Wie du, versuche ich auch die Schnittstelle zu finden. Ich versuche in jedem Mainstream-Projekt die Tiefgründigkeit des Arthouse zu finden. Und in jedem Arthouse-Projekt den Anschluss ans Publikum nicht zu verlieren.
ANTON: Das eine baut auf dem anderen auf.
ALISON: Es macht dich auch in jeder Disziplin besser. Ich liebe es, mit Schauspielenden zu arbeiten, die multidisziplinär tätig sind. Das muss auch gar nicht nur im künstlerischen Bereich sein. Ich habe zum Beispiel mal mit einem tollen Schauspieler gearbeitet, der auch Gastronom ist. Oder Jens Albinus zum Beispiel: Er ist Schauspieler, Regisseur und Autor.
ANTON: Wie seid ihr auf ihn gekommen?
ALISON: Wir haben uns Schauspielende aus diversen Ländern angeguckt und haben uns dann in Jens Albinus verliebt. Ich habe ihm einen Brief geschrieben. Er dreht ja normalerweise viel größere Projekte, dreht mit Leuten wie Lars von Trier. Er mochte aber unser Drehbuch und hatte zufällig Zeit. Ja, und dann haben wir um ihn herum quasi das dänische Universum gebaut.
ANTON: Ach echt? Dann habt ihr viel neu geschrieben? An welchem Punkt sagst du dann ist dein Drehbuch fertig? Ab wann gehst du auf Castsuche?
ALISON: Bei den letzten Werken, die ich selbst geschrieben habe, habe ich nach den Castings neue Fassungen geschrieben. Weil ich dann von Castings, von den Leuten, die ich da getroffen habe, so inspiriert war, dass ich Dinge nochmal ganz neu aufgerollt habe. Jetzt bei HOLY MEAT, hatte ich die finale Fassung eine Woche vor Drehstart.
ANTON: Das ist knapp. Habt ihr auch am Set noch die Szenen verändert? Improvisiert?
ALISON: Sehr wenig eigentlich. Bei Schattenseite habe ich das zum Beispiel total geliebt, spielerischen Freiraum zu lassen. Wir wollten wirklich schauen, dass wir Authentizität schaffen, während ich in HOLY MEAT ganz anders gearbeitet habe. Bei dieser Art von stilisierter Komödie bin ich am Set fast wie eine Dirigentin. Rhythmisierung, Akzentuierung, Pausierung. Das macht auch großen Spaß.
ANTON: Ich finde es oft schwierig in einem Film, Theater gut zu erzählen. Das ist dir aber gelungen. Weil die Setzung auch cool ist. Mit der Dorfgemeinde, die kein Theater kennt. Die Skurrilität von, „what the fuck is going on here?“ Als würde man die Volksbühne auf ein Dorf setzen.
ALISON: Ich würde mir wünschen, dass das Dorf politisch nicht ganz so vernachlässigt wird. Dass da nicht Landstriche komplett auf der Strecke bleiben. In meinem Heimatdorf, da hat vor zehn Jahren, der einzige Supermarkt geschlossen.
ANTON: Das ist auch in deinem Film, ne? „Wo ist denn der nächste Supermarkt?“ „Nur eine halbe Stunde mit dem Bus.“
„Als Regie, da fühle ich mich so als hätte ich Superkräfte: Und die sind meine Heads of Departments und meine Hauptdarstellenden. Jeder für sich ist irgendwie so ein Superheld in seinem Gewerk und ich erweitere mich durch all die.“ - ALISON KUHN
ALISON: Das war wirklich so. Dann mussten die ganzen alten Leute mit dem Bus zum Einkaufen fahren. Auch Leute, die eigentlich keine sozialen Kontakte mehr haben, außer die wenigen Menschen, die sie beim Einkaufen getroffen haben. Das war alles von einem Tag auf den anderen weg. Das finde ich wahnsinnig traurig. In deinem Roman schreibst du ja auch darüber. Über Vereinzelung. Vereinzelung in der Stadt. Und in HOLY MEAT geht es viel um Vereinzelung auf dem Dorf. Vielleicht gibt es da mehr Parallelen, als man denkt.
ANTON: Wolltest du die Kirche in HOLY MEAT dann auch als Ort der Zusammenkunft erzählen?

ALISON: Es geht gar nicht so sehr um eine Örtlichkeit. Es geht nicht um eine Kirche. Es geht nicht um ein Theater. Aber es geht um die Gemeinschaft, die gefunden werden muss. Das ist mir auch zum ersten Mal bewusst geworden, als ich vor einigen Jahren einen Dokumentarfilm gedreht habe. The Case You heißt er. Über einen Fall von Machtmissbrauch in der Filmbranche, in den ich selbst als junge Frau involviert war. Ich komme da mit fünf jungen Frauen zusammen, denen allen dasselbe passiert war. Wir hatten alle, jede für sich, seit diesem Vorfall mit einer Scham gelebt. Und ab dem Moment, als wir unseren Dokumentarfilm abgedreht hatten, war diese Scham auf einmal verschwunden.
ANTON: Krass.
ALISON: Weg, wirklich. Nach der letzten Klappe haben wir alle...
ANTON: …weil es auch eine Selbstermächtigung war?
ALISON: Ja. Und weil es der kollektive Gedanke war, weil wir das Gefühl hatten, ey, wir sind mehr. Das war für mich ein Schlüsselmoment, in dem ich gemerkt habe, hey, schließt euch zusammen, bildet Banden: Dieser kollektive Gedanke ist ja auch das Schöne beim Filmemachen, dass man irgendwie mit so vielen Menschen, die alle kleine Zahnräder in einem großen System sind, auf dasselbe Ziel hinsteuert. Als Regie, da fühle ich mich so als hätte ich Superkräfte: Und die sind meine Heads of Departments und meine Hauptdarstellenden. Jeder für sich ist irgendwie so ein Superheld in seinem Gewerk und ich erweitere mich durch all die. Das ist die größte Erfüllung.
ANTON: Wow.
ALISON: Aber zu Schwesterherz: Was hast du gedacht, als du Schwesterherz gelesen hast?
ANTON: Ich hatte zufällig gerade Vergewaltigung von Mithu Sanyal gelesen. Und
ich fand spannend, dass es in dem Film um einen Vergewaltigungsvorwurf geht, der sich so mehr und mehr rausschält. Was machst du, wenn es ganz nah jemand ist? Da hast du einen anderen Umgang, willst wirklich herausfinden, was war und bist vielleicht auch loyaler. Dem gegenüber steht dieses feministische Bewusstsein von, ey, man sollte Opfern glauben. Wie stehe ich eben zu mir, zu meiner Weiblichkeit, zu meiner Bedrohung im Patriarchat und inwiefern kann eben dann auch ein Bruder ein Täter sein?
ALISON: Sehr spannend. Interessant fand ich ja auch, wie unterschiedlich Mutter und Tochter im Film reagiert haben.
ANTON: Die Mutter ist ganz klar, so: Family sticks together, und so: Ich glaube meinem Sohn. Mhm. Und: Wer ist diese Frau überhaupt, die das sagt? Und wenn er sagt, das ist nicht so, dann war das nicht so.
ALISON: Ist das vielleicht auch ein Generationenkonflikt?
ANTON: Vermutlich, vermutlich. Ja. Und gleichwohl ist auch eine Frage: Ist das der richtige Weg, als die neue Generation zu sagen, okay, ich cutte mit meinem Bruder? Sie ist eben als Schwester auch jemand, der ihm eine Perspektive geben kann, sich zu ändern.
ALISON: Als Vermittlerin.
ANTON: Genau. Und es ist genauso legitim zu sagen: nee, ich bin überhaupt nicht in der Position, jetzt auch noch hier dem Täter zu helfen. Aber das ist dann schon die Frage: Was soll passieren, soll er weggesperrt werden und außerhalb der Gesellschaft leben?
ALISON: Es gibt ja andere Konzepte, zum Beispiel in Norwegen.

ANTON: Es geht doch auch darum, dass eine Reflexion, eine Reue, eine Entschuldigung, ein Verständnis stattfindet. Und da spielen Familie, Freunde eine wichtige Rolle. Da kann man diese Position nutzen, nah dran zu sein. Ich glaube, das kennen wir alle, dass man als Teil einer Peergroup näher rankommt und andere sich da mehr sagen lassen als jetzt von einer Lehrkraft oder so. Aber es ist ein Spannungsfeld und da gibt es meiner Meinung nach nicht nicht die eine Antwort und man muss eh von Fall zu Fall entscheiden. Und wie man sich entscheidet, das hat immer eine gewisse Legitimität.
ALISON: Ja. Absolut. Und das Medium Film kann diese Fragen aufwerfen, den Dialog öffnen, und zeigen: es gibt keine klaren Antworten.
ANTON: Voll. Vor allem wenn das nicht so mit erhobenem Zeigefinger gemacht wird.
ALISON: Ich fand übrigens eure natürliche Körperlichkeit als Geschwisterpaar irgendwie ganz herausragend. Da habe ich mich gefragt, wie ihr euch das erarbeitet habt. Kanntet ihr euch vorher?
ANTON: Nein, wir haben uns beim Casting kennengelernt und bei den Proben ging es dann viel darum, diese Geschwisterlichkeit herauszuarbeiten und natürlich auch die Rolle als Täter kennenzulernen. Wie bei Schattenseite.
ALISON: Oh Mann, das tut mir leid, dass wir dich wieder so besetzt haben.
ANTON: Alles gut. Solange es vielschichtig ist, spiele ich gerne auch, sage ich mal, dunkle oder schwierige Charaktere. Man muss denen ja genauso die Menschlichkeit geben muss.
Es entsteht eine Pause.
ANTON: Was war die Frage nochmal?
ALISON: (lacht) Wie ihr euch angenähert habt. Wie ihr euch diese Körperlichkeit erarbeitet habt.
ANTON: Ach ja! Wir hatten bestimmte Szenen, die wir immer wieder geprobt haben. Aber wir haben auch ganz anderes gemacht. Wir sind im Sommer durch die Hasenheide spaziert und hatten eine Regieaufgabe: Ihr seid jetzt auf einer Wanderung und sie hat nicht richtig gepackt und jetzt habt ihr euch verlaufen.
ALISON: Was für eine Backstory hast du deinem Charakter eigentlich bezüglich der Vergewaltigung gebaut?
ANTON: Ja, ich weiß jetzt nicht, ob ich das Rollengeheimnis öffentlich machen will.
ALISON: Achso, nee, brauchst du auch nicht.
ANTON: Ich kann dir auf jeden Fall erzählen, dass für mich als Schauspieler am
spannendsten und verunsicherndsten die Frage danach war, wie gut sich meine Figur
erinnern kann. Ich denke, da passiert auch sehr viel im Unterbewussten, viel Verdrängung.
Möchte er sich nicht erinnern? Diese Frage wollte ich mir und dem Zuschauenden
offenhalten. Und dann diese Panik, wenn er sich später doch als Täter begreift. Dieses
Grauen fand ich spielerisch extrem spannend. Bei diesem Zusammenbruch im Bad, wo er
dann geduscht wird…
ALISON: …wo er sich seine Schuld eingesteht…
ANTON: … er weiß, dass er was falsch gemacht hat. Auch wenn er vermutlich ein anderes Bild von Vergewaltigung hatte. Und er sagt sich: Ich bin kein Monster. Aber Vergewaltiger, das sind eben nicht nur Monster, das sind Menschen. Das ist das Furchtbare.
ALISON: Was würdest du sagen, wie dein Charakter am Ende des Films auf das Ganze blickt?
ANTON: Ich wünsche ihm eigentlich, dass jetzt eine Reflexion einsetzt, eine Therapie vielleicht, dass ein wirkliches Bereuen und ein sensiblerer Umgang entsteht. Aber vielleicht bleibt er auch so. Unsere Gesellschaft wäre wie die Mutter, so, ist doch jetzt gegessen, jetzt einmal wieder happy, du bist ein Guter, du bist ein Guter…
ALISON: Wie in der katholischen Kirche!
ANTON: Bei HOLY MEAT gibt es ja auch eine Missbrauchsthematik.
ALISON: Ich war auf einer Klosterschule, bei der während meiner Schulzeit rauskam, dass da viele Missbrauchsfälle stattgefunden haben: an Schülern von den Patres, die dort unterrichtet haben. Ich hatte das Gefühl, ich müsste da was drüber machen und dachte, es ist eine spannende Herausforderung, eine Komödie darüber zu schreiben.
ANTON: Voll.
ALISON: In dem Ursprungsstoff zu HOLY MEAT ging es mal wirklich nur um dieses Theaterstück und das Stadt-Land-Gefälle, alles aus der Perspektive des Theaterregisseurs. Und dann habe ich gesagt, ich will den Stoff irgendwie anreichern mit was, was mich als Regisseurin noch mehr umtreibt.
ANTON: Nicht nur: Ich stückele jetzt die Kirche als Institution mal ein bisschen auseinander, sondern benutze das Bild auch in Form eines aufgeschnittenen Schweins?
ALISON: Tatsächlich! So ist die Metzger-Thematik reingekommen. Das Fleischliche, das ist biblisch wahnsinnig aufgeladen. Und es ist auch Pater Oskars Rückkehr zum Fleische. Und natürlich das Fleischliche als Provokation auf der Bühne.
ANTON: Eine Frau als Metzgerin.
ALISON: Ich fand es schön, mal eine weibliche Hauptfigur zu haben, die sich mit ihren archaischen Trieben auseinandersetzt, die wütend ist und die die Geschichte vorantreibt. Was auch nicht immer selbstverständlich ist bei weiblichen Figuren. Und trotzdem darf sie eine Love-Story haben.
„Können wir bitte wieder dahin kommen, dass wir Unterschiedlichkeiten aushalten? Dass man sieht, in der Mehrheit haben wir trotzdem Übereinstimmungen, umso wertvoller, dass du das anders siehst.“ - ANTON WEIL
ANTON: Und feiern gehen und sich kaputt machen.
ALISON: Es ist nie schwarz-weiß. Deshalb dachte ich, okay, es ist ja total spannend, diese Geschichte aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten. Ich wollte festhalten, dass jemand, der in einem Kapitel wahnsinnig antagonistisch wirkt, das in einem anderen überhaupt nicht ist. Das kann man ganz gut auf sein eigenes Leben übertragen und sich mal selbst in Frage stellen und schauen, okay, in dieser Situation, die ich in meinem Leben gerade erlebt habe, wirkte irgendwie jemand auf mich, als würde er mir was Böses wollen. Aber vielleicht ist es in dessen Augen komplett andersrum und ich bin der Bösewicht.
ANTON: In fast allen Diskursen und politischen Debatten denkt man doch: Können wir bitte wieder dahin kommen, dass wir Unterschiedlichkeiten aushalten? Also jetzt natürlich nicht bei sexistischen, rassistischen Aussagen, das gar nicht. Aber in dem Miteinander. Dass es nicht darum geht, ich überzeug dich jetzt von meinem Standpunkt, sondern ein Interesse daran zu haben, warum du es anders siehst. Dass man sieht, in der Mehrheit haben wir trotzdem Übereinstimmungen, umso wertvoller, dass du das anders siehst.
ALISON: Das ist doch ein schönes Schlusswort.
HOLY MEAT, Kinostart: 01.01.2026. Komödie, 117 min, FSK 12. Regie: Alison Kuhn, Drehbuch: Alison Kuhn, Besetzung: Jens Albinus, Homa Faghiri, Pit Bukowski.
Schwesterherz, Kinostart: 08.01.2026. Drama, 96 min, FSK 12. Regie: Sarah Miro Fischer, Buch: Sarah Miro Fischer, Agnes Maagaard Petersen, Besetzung: Marie Bloching, Anton Weil.











Kommentare