DARF SIE DAS? WIE BEYONCÉS „COWBOY CARTER“ COUNTRY NEU SCHREIBT
- Catch Up Magazin

- 26. Juni
- 8 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 29. Juni
von Katharina Moser
Montagabend im April 2025 im kalifornischen Inglewood: 43.000 Menschen stehen dicht an dicht im SoFi-Stadion von Los Angeles. Weiße Lichter zucken über die Bühne, die Luft ist schwer mit der angespannten Erwartung murmelnder Fans. Für einen Moment wirkt die Szene wie ein klassisches Bild der Musikkultur einer Metropole, wo zwischen Highrises und Skyscrapern der städtische Beat zuhause ist. Doch dann wird die Stille vom Donnern von Pferdehufen gestört: Beyoncé erscheint in einem weißen Western-Outfit, Cowboy-Boots und mit Cowboy-Hut auf den blondierten Braids.

Das ist der erste Abend von Beyoncés rekordbrechender Tour Cowboy Carter, der fünften Stadiontour der amerikanischen Popdiva – obwohl ja schon lange nicht mehr nur Pop allein. Die Cowboy Carter-Tour, bestehend aus ganzen 32 Konzerten, die laut dem Billboard Boxscore letztendlich 407,6 Millionen US-Dollar mit 1,6 Millionen verkauften Tickets einspielen, wird die umsatzstärkste Country-Tour der Geschichte werden.
Wer an Country denkt, dem erscheinen Bilder von Cowboys und Pferden vor dem inneren Auge, vom Wilden Westen und Lederstiefeln, von billigem Whiskey und staubigen Wüstenpfaden, schönen Frauen und knarzenden Billardtischen in alten Saloons. Das Genre gilt als die Blaupause amerikanischen Lebens und ist eng mit amerikanischer Identität verbunden, ein Spiegel amerikanischer Wertevorstellungen und Kulturräume.
Die Wurzeln der Country-Musik liegen in den Balladen, Folk-Liedern und populären Liedern der englischen, schottischen und irischen Siedler in den Appalachen, der zerklüfteten Gebirgskette im Osten Amerikas und anderen Teilen des amerikanischen Südens. Sie schöpfte zudem aus den Traditionen der Minstrel-Shows, bei denen Weiße in Form von Stereotypen Schwarze Menschen darstellen (unter anderem durch Blackfacing), und des Vaudeville, der amerikanischen Unterhaltungskultur zum Ende des 19. Jahrhunderts.
In den frühen 1920er Jahren wird die traditionelle Streichmusik der südlichen Bergregionen erstmals kommerziell aufgenommen – „The Little Old Log Cabin in the Lane“ und „The Old Hen Cackled and the Rooster’s Going to Crow“ von Fiddlin’ John Carson werden zu echten Hits. Die ersten Lieder des Country-Genres sind damals noch von der strengen Moral des Calvinismus geleitet; nix da mit Liedern über wilde Partynächte in Country-Bars und Frauen in knappen Jeanshosen.
Beyoncé und Country: Die Schwarze Geschichte des Genres
Fast forward nach Los Angeles im Jahr 2025: pinke Hufeisen, Rodeo-Bullen, Texteinblendungen aus Spaghetti-Western. Eine Kneipenschlägerei darf auf der Bühne nicht fehlen, ebenso nicht eine Schießerei a lá Western-Film. Damit wir nicht vergessen, dass wir in Amerika sind, steht die Freiheitsstatue da, allerdings ohne Gesicht, dafür mit Bandana! Und was hören wir? Pop? Country? R&B? Careful, keine einfachen Antworten! Das findet zumindest Beyoncé selbst, und wer wären wir, mit der Queen of Pop zu streiten?
Das Grammy-Komitee gibt sich in dem Jahr hingegen seiner üblichen Selbstsicherheit hin. Mit act ii: Cowboy Carter ist es Beyoncé 2025 endlich gelungen, ihren Charterfolg bis ins Country-Genre zu expandieren: Bei den 67. Grammy Awards gewinnt Cowboy Carter den Preis „Album des Jahres“ und eben den Preis für das beste Country-Album.
Moment mal. Das sei kein Country-Album, es sei ein Beyoncé-Album, hatte doch Beyoncé selbst auf Instagram gesagt? Dass sie sich im kulturellen Rahmen des Country bewegt, markiert sie aber durchaus selbstbewusst – nicht nur über den Titel Country Carter, die Visualität, sondern auch musikalisch.
Ursprünglich hatte Beyoncé rund 100 Songs für das Album aufgenommen – jeder von ihnen eine Neuinterpretation eines Westernfilms. Konzeptionell ist das Album als Radiosendung angelegt, in der die Country-Sängerinnen und -Sänger Dolly Parton, Linda Martell und Willie Nelson als Moderatoren auftreten – eine personelle Verortung im Kanon des Country. Klanglich geht es dabei allerdings schon weniger traditionell zu: wir hören Elemente des Folk und Rock ‘n’ Roll, von Soul, Rhythm and Blues, von Funk, Gospel und Bluegrass, von Hip-Hop und Honky-Tonk, ja selbst Elemente des Flamenco, Jersey Club und Irish Folk finden ihren Weg in die Songs. Beyoncés meisterhaftes Belting erinnert an Soul und Gospel, ihre Phrasierungen kennen wir aus R&B, und die gelegentlichen 808-Beats erinnern an Hip Hop.
„Cowboy Carter“: Ein Album zwischen Country, Pop und R&B
„Was ein Chaos“, findet so mancher Country-Liebhaber. Ein Radiosender in Oklahoma zieht im Februar 2024 glatt die Reißleine: Den Wunsch eines Hörers, einen gerade auf dem Album neu erschienenen Track von Beyoncé zu spielen, entscheidet der Sender kurzerhand abzulehnen. Er sei nicht Country genug für einen Country-Sender, sind sich die Moderatoren sicher – kaum zu glauben, dass selbst Dolly Partons Präsenz sie nicht überzeugen kann.
Und der Radio-Moderator ist damit nicht allein. Cowboy Carter belebt eine hitzige Debatte: Was ist Country überhaupt, wie wird seine Geschichte korrekt erzählt, und wer gehört bloß dazu?
Auf keinen Fall Beyoncé, hatte das Genre lange Zeit noch befunden. Vor zehn Jahren veröffentlicht die bislang als reine Popdiva verstandene Künstlerin aus Texas erstmals einen Country-Song: „Daddy Lessons“. Beyoncé tritt daraufhin gemeinsam mit den Chicks (die den Song zuvor gecovert hatten) bei den 50-jährigen Country Music Association (CMA) Awards auf – eine Preisverleihung, deren funkelnde, silberne Trophäe als die größte Anerkennung im Country gilt. Der Auftritt wird von Kritikern hoch gelobt und beschert den CMAs die höchsten Zuschauerzahlen ihrer Geschichte. Aber es gibt auch jene Country-Fans, denen der Auftritt unbequem ist. „Was hatten sich die CMAs da bloß gedacht?! Beyoncé gehörte nicht in dieses Genre.“ In Windeseile löscht die CMA alle Werbe-Posts zu Beyoncés Auftritt. Und zum Ende des Jahres 2016 lehnt das Country-Musik-Komitee dann „Daddy Lessons“ für eine Nominierung für einen Grammy Award ab. Die Begründung: „Nicht Country genug“.
Kritiker werfen den Institutionen vor, gegenüber erzkonservativen und vielleicht sogar rassistischen Stimmen im Country eingeknickt zu sein. Beyoncé wird als Schwarze Frau im Country zunächst ausgeschlossen – trotz ihrer Heimat in Houston, wo das Cowboy-Erbe der Stadt sowie Country- und Zydeco-Musik ihre Kindheit prägt. Von klein auf hört mini Beyoncé Carter Country-Musik, insbesondere durch ihren Großvater väterlicherseits. Jedes Jahr besucht ihre Familie in Westernkleidung die Houston Livestock Show and Rodeo, wo sie zwischen 2001 und 2007 selbst viermal beim Rodeo auftritt.
All das greift das Album Cowboy Carter konzeptuell auf. Zum Release von act ii: Cowboy Carter schreibt Beyoncé, das Album sei aus der langjährigen Erfahrung entstanden, sich im Genre nicht willkommen zu fühlen – „…and it was very clear that I wasn’t. But, because of that experience, I did a deeper dive into the history of Country music and studied our rich musical archive,“ so Beyoncé. „The criticisms I faced when I first entered this genre forced me to propel past the limitations that were put on me. act ii is a result of challenging myself, and taking my time to bend and blend genres together to create this body of work.“
Den 27 Songs auf dem Album gelingt es, die Hörerschaft von Country-Musik weltweit und die Beliebtheit von Westernkleidung und Westernkultur zu vergrößern. Vor allem bewirkt das Album aber eines: Es löst eine kulturelle Debatte über den Platz Schwarzer Musikerinnen und Musiker innerhalb des Genres aus. Zwischen Willie Nelson, Shania Twain und Dolly Parton vergessen manche gern, dass Country kein rein weißes Genre ist.
Die große Lüge eines rein weißen Genres
„The greatest lie country music ever told was convincing the world that it is white“, schreibt Taylor Crumpton, Autor für Popkultur, Musik und Politik. In einem Kommentar für Time stellt Crumpton die vorherrschende Meinung in Frage, dass Country-Musik ausschließlich eine Domäne der Weißen sei. Auch Michael F. Bido fragt für den Harvard Crimson: Warum denkt man nie an die eigentlichen Pioniere des Country-Genres, wenn man über dessen Entstehung spricht? „When we picture the founders of country music, it is imperative to picture enslaved people and African Americans and imagine traditional West African instruments, religious tunes, and work songs. We must envision a genre based in both unity and resistance,“ schreibt Bido. Und weiter: „Country music is a genre founded, molded, and upheld by the Black community.“
Durch den Sklavenhandel und die Verbreitung der afroamerikanischen Kultur sei das Banjo zu einem zentralen Bestandteil der Musik der versklavten Menschen worden. Als sich ihre Musik jedoch durch Minstrel-Shows auch unter weißen Zuschauern verbreitet habe, sei das Genre einfach in „Hillbilly-Musik” umbenannt und schnell als die Country-Musik bekannt worden, die wir heute kennen.
Ein Beispiel: Das frühere Staatslied von Virginia zum Beispiel, „Carry Me Back to Old Virginia”, wird von James Bland, einem afroamerikanischen Minstrel-Performer und Songwriter, komponiert. 1997 wird das Lied aber als Staatshymne abgeschafft, was vor allem auf Kontroversen wegen „Rasse“-bezogener Inhalte im Text zurückzuführen ist (zum Beispiel, dass der Erzähler ein versklavter Mensch ist und sich selbst als „Darkey“ bezeichnet).
In den 1930ern formt sich eine bedeutsame Variante der Country-Musik in Texas und Oklahoma, wo die Musik ländlicher weißer Fiddle-Bands nicht nur dem Swing-Jazz Schwarzer Orchester ausgesetzt ist, sondern auch Mexikanischer Mariachis. Während der Great Depression in den 1930ern und während des Zweiten Weltkriegs gelangt Country-Musik schließlich mit der Abwanderung vieler weißer Arbeiter und Familien aus den ländlichen Gebieten des Südens in die Industriestädte in neue Regionen und kommt mit weiteren neuen Einflüssen in Berührung – darunter Blues und Gospelmusik.
Einige Künstlerinnen und Künstler sehen sich daher in der Verantwortung, den Menschen zu zeigen, dass Country die Beiträge Schwarzer Künstlerinnen und Künstler nicht nur zulässt, sondern in Teilen auf ihnen aufgebaut ist. Unter ihnen ist Shaboozey, der durch den Hit „Tipsy“ bekannte Grammy-Gewinner und Chartrekordbrecher, der gleich zweimal auf – richtig geraten – Beyoncés Cowboy Carter vertreten ist.
Country als Stimme der einfachen Leute
„Country ist in erster Linie die Musik des armen Mannes. Damit hat es angefangen: Diese Menschen wollten ihre Geschichten erzählen und hatten kein anderes Sprachrohr. Country-Musik war die Musik der Arbeiterklasse“, sagt Shaboozey unlängst in einem Interview mit der WELT. „Die Geschichte des Country und seine Wurzeln in Schwarzer Kultur müssen dennoch vermittelt und respektiert werden. Wir brauchen mehr Bildung über die Musikgeschichte hinter dem Genre.“
Gegenstimmen sagen, Beyoncé und er wollten bloß Kapital aus der Beliebtheit des Genres schlagen, ohne die Bedeutung Schwarzer Kultur zu übermitteln. Aber was wäre daran so schlimm? Weil Shaboozy sich das beliebte Genre im Gegensatz zu Taylor Swift aneignet? Das kann es nicht sein: Shaboozey kommt aus Virginia und sagt über sich: „Wir sind Country, weil wir aus dieser Welt kommen.“
„Mein Vater war ein großer Country-Fan, liebte Künstler wie Kenny Rogers, Don Williams und Dolly Parton und gab das an mich weiter. Ich denke, er mochte daran die Idee, dass ein hart arbeitender Mensch sich Wohlstand aufbauen kann.“ Im Interview zieht er zudem eine Parallele zu der Herkunft seiner Familie. „Die meisten Leute in [Nigeria] sind einfach hart arbeitende Menschen, die sich einen ehrlichen Lebensunterhalt verdienen wollen. Nur dass das in der aktuellen wirtschaftlichen Lage dort oft nicht funktioniert. […] In dem Sinne sind sich die beiden Kulturen sehr ähnlich – durch Menschen der Arbeiterklasse, die überleben wollen.“
Die Frage, wer und was Country sein kann, scheint im Kern eine Frage der Authentizität zu sein. So singt auch die Countrysängerin CeCe Frey in ihrem Song „All Boots“ von einer Gruppe von Frauen, die einen Cowboy als Schwindler entlarven. Die Frauen wissen besser, was es bedeutet, ein Cowboy zu sein, als ein Mann, der nur einen Cowboy spielt – ein Mann, der „all boots“ ist, „no cowboy“. Aber was soll das heißen? Country ist nur echt, wenn seine Schöpferinnen und Schöpfer Country mit der Muttermilch aufgesaugt haben, „in the country“ aufgewachsen sind, Cowboy-Hüte tragen, Western reiten und Whiskey ohne Chaser trinken?
CeCe Frey ist auf einer Farm in Illinois aufgewachsen, weitab von städtischer Modernität. Sie ist Teil eines Lebens, in dem Cowboystiefel und Lederchaps keine Modeaccessoires sind, sondern Werkzeuge für harte Arbeit – an einem Ort, an dem Country nicht nur konsumiert, sondern gelebt wird. Aber was heißt das schon? Gar nix, findet selbst CeCe Frey. „I think you make whatever kind of art you want to make, and people will listen to it if they want to, or they won’t listen to it.“ Trotzdem ist Authentizität für sie ausschlaggebend: „The fans are smart (…) and they know what’s authentic. So if what you’re singing is authentic, and it happens to be country even if you’re not from the country, that’s fine, and the fans will decide if they like it or not.“ Für Frey geht es im Country nicht nur um Herkunft – es geht um die emotionale Wahrheit des Geschichtenerzählens.
Ist Beyonce authentisch? Für viele sicherlich. Fakt ist jedenfalls: Mit Cowboy Carter hat sie ein geiles Album geschaffen, sie hat Country komplex und vielfältig aufgegriffen und als Musik-Ikone das Genre für Schwarze Musikerinnen weiter geöffnet. Sie hat keine Dissertation über ihren Anspruch an das Genre geschrieben, sondern das gemacht, was sie am besten kann: Musik. Wie sie die Entwicklung des Genres in ihr Album eingebunden hat, ist auf musikalischer Ebene einzigartig und gewieft. Anstatt sich darüber aufzuregen, dass sie dafür einen Preis gewonnen hat, sollte man lieber einfach ihr Album hören – oder auch nicht.
Und Beyoncé hofft: „My hope is that years from now, the mention of an artist’s race, as it relates to releasing genres of music, will be irrelevant.“
Die Autorin: Katharina Moser (geb. 2003) ist Journalistin für Musik und Kultur, internationale Politik und Wissenschaft. Unter anderem schreibt sie für die Frankfurter Allgemeine Zeitung, Rolling Stone, Die Zeit und Stern sowie das namibische Medienhaus Network Media Hub. Als Gründerin des Musikmagazins The Wrapper und Autorin für US-Rapper ist sie Expertin für Hip Hop und amerikanische Kultur.

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